Das Examen

Das Examen

In desß ist es beim Entschlusse geblieben
Und nach wenigen Wochen hat man verschrieben
Die ganze hochehrwürdige Klerikei
Zu Hieronimus Examen herbei.

Jedoch, wie ihm ob solcher Gefahre
Des nahen Examens zu Muthe ware
Und sein gemachtes ängstliches Gesicht
Dies alles begreift der Leser nicht.

Es wäre also solches zu Schildern vergebens
Sie fürchterlichste Stunde seines Lebens
Nahte nunmehro, endlich herzu;
Ach! du armer Hieronimus, du!

Nenne mir nun, Jungfer Muse, die Namen
Der geistlichen Herrn, welche zum Examen
Aus jeder Gegend der Schwäbischen Welt
Am bestimmten tage sich eingestellt.

Der erste war der Herr Inspector
In der Lehre stark wie ein andrer Sector
Ein stattlicher dickgebauchter Mann;
Man sah ihm gleich den Inspector an.

Seine Verdienste schafften ihm diese Würde;
Er trug seines Amtes Bürde
Geduldig und mit gar frohem Muth
Und aß und trak täglich gut.

Nach ihm kam der geistliche Assesser
Ein Mann von Person zwar etwas größer
Doch an Körper und Waden dünn
Und von etwas mürrischen Sinn.

Er triebe nebst der geistlichen Sache
Verschiedene Stücke aus dem ökonomischen Fache
Und trank nur Bier und schlechten Wein
Denn seine Einkünfte waren klein.

Auch Herr Krager, ein Mann von hohen Jahren
In den Kirchenvätern sehr wohl erfahren
Die er, so oft die Gelegenheit kam
Seinen Satz zu erweisen, hernahm.

Auch Herr Krisch, ein Mann von guten Sitten
Ungemein stark in Postillen beritten;
Wobei er sich so gut und noch besser befand
Als der beste Pfarrer im Schwabenland.

Auch Herr Beff, ein weidlicher Linguiste
Und im Leben und Wandel ein ziemlicher Christe
Im Vortrag ein ewiges Einerlei
Doch niemals gegen Orthodorei.

Auch Herr Schrei, stark in der Rede
Weder in Gesellschaft noch auf der Kanzel blöde
Lebte übrings munter und frisch
Mit seiner Köchin exemplarisch.

Auch Herr von Plotz, ein Mann wie ein Engel
Er hatte zwar in der Jugend viel Mängel
Nachdem er aner sein Amt trat an
Ward er ein gar frommer Mann

Er hielt seine hochgeliebte Gemeine
Von allen Lastern und bösem Wesen reine
Und strafte zur Zeit und zur Unzeit
Alle und jedem doch nach Gegebenheit.

Auch Herr Reffer, nie müde in Lehr` und Strafen
Er nahm sich treulich am seiner Schafen
Doch fande sich in der Herde sein
Mancher hartnäckiger Bock mit ein.

Oft war er, um sie zurechte zu führen,
Er deshalb genöthigt zu processiren
Denn er verstand die Jura, in der That
So gut als der beste Advocat.

Außer diesen obengenannten kamen
Noch mehr geistliche Herren zum Examen
Die ich nicht alle Mann für Mann
Sogar genau mehr nennen kann.

Als nun die ganze geistliche Schare
Der hochehrwürdigen Herren beisammen ware
So setzten, praemissis praemittendis,
sich alls um einen großen Tisch.

Hieronimus trat mit Zittern un Zagen
Vor die sämmtliche Gesellschaft der weißen Kragen
Und scharrete ihnen demüthig den Gruß.
Oh weh dir! oh weh dir! Hieronimus!

Zuvorderst erkundigten die Examinatores
Sich nach seinen bisherigen Sitten und Mores
Und fragten ihn bald, ob er auch hätt´
Ein Zeugniß von der Universität?

Hieronimus, ohne donderliche Umstände
Gab das Attest in des Inspektors Hände
Welcher dasselbe alsbald das lus;
Oh weh dir! oh weh dir! Hieronimus!

Es war zwar, wie oben schon angeführet
In Lataim in Grieschisch concipiret
Folglich zu lesen ein schweres Stück;
Doch verstand zu allem Unglück

Der Inspector etwas von den Sprachen
Um hier die nöthigste Dollmetschung zu machen;
Denn für jeden andern geistlichen Herr
War die Uebersetzung zu schwer.

Damit nun hier nicht möge fehlen
Will ich dem geneigten Leser erzählen
Was eigentlich in dem Attestat
Von Wort zu Wort gestanden hat.

Zuerst Name und Titel vom Professer
Und in drei Buchstaben etwas größer
Wünschte er, durch L.B.S. dem
Lectori Benevolo Salutem!

Sintemal und immaßen drei Jahre
und einige Wochen hieselbst ware
Herr Hieronimus Jobsius
Als Theologiä Studiosus;

Derselbe aber abzureisen nunmehro
Ernstlich ist gesonnen, und dero-
halben um ein schriftliches Attestat
Mich geziemendermaßen bat:

So habe ich nicht unterlassen können
Ihme solches schriftliches Zeugniß zu gönnen:
Daß derselbe alle viertel Jahr
Bei mir einmal im Collegio war.

Ob er sich sonst noch des Studirens privatim beflissen
Wird ihm wol sagen sein eigen Gewissen
Dann in diesem schriftlichen Bericht
Behaupte und zeuge ich solches nicht.

Und von seinem sonstigen Betragen
Wäre zwar nicht viel Gutes zu sagen
Allein die christliche Liebe will
Dass ich davon schweige still.

Uebrigens wünsch`ich ihm auf alle Weise
Hiedurch eine glückliche Abreise
Und der gütige Himmel leite ihn
Künftig zu allem Guten hin!

Was man für große Augen gemachet
Und daß Her Hieronimus nicht gelachet
Als man den Inhalt fand dergestalt
Ein solches begreifet der Leser alsbald.

Indeß ist es für diesmal so geschehen
Daß man die Sache hat übersehen
Und man redete von dem Attest
Aus christlicher Erbarmung und Liebe das Best`.

Denn die Herren dachten weislich zurücke
Daß sie auch wol viele lustige Stücke
Auf Academien getrieben vor dem;
Man schritte also weiter ad rem.

Der Herr Inspector machte den Anfang
Hustete viermal mit starkem Klang
Schnäuzte und räusperte auch viermal sich
Und fragte, indem er den Bauch strich:

Ich, als zeitlicher pro tempore Inspector
Und der hiesigen Geistlichkeit Direktor
Frage Sie: Quid sit Episcopus?
Alsbald antwortete Hieronimus:

Ein Bischof ist, wie ich denke
Ein sehr angenehmes Getränke
Aus rothem Wein, Zucker und Pomeranzensaft
Und wärmet und stärket mit großer Kraft.

Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses
Geschah, allgemeines Schütteln des Kopfes;
Der Inspector sprach zuerst: hem ! hem!
Darauf die anderen secundum ordinem.

Nun hub der Assessor an zu fragen:
Her Hieronimus! thun Sie mir sagen
Wer die Apostel gewesen sind?
Hieronimus antwortete geschwind:

Apostel nennt man große Krüge
Darin gebet Wein und Bier zur G`nüge
Auf den Dörfern und sonst beim Schmaus
Trinken die durstigen Burschen daraus.

Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses
Geschah, allgemeines Schütteln des Kopfes;
Der Inspector sprach zuerst: hem ! hem!
Darauf die anderen secundum ordinem.

Nun traf die Reihe den Herrn Krager
Und er sprach: Herr Candidat! sag` Er,
Wer war der heilige Augustinus?
Hieronimus antwortete kühne:

Ich habe nie gehört oder gelsen
Daß ein andrer Ausgustinus gewesen
Als der Universitätspedell Augustinus
Er citirte mich oft zum Prorector hin.

Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses
Geschah, allgemeines Schütteln des Kopfes;
Der Inspector sprach zuerst: hem ! hem!
Darauf die anderen secundum ordinem.

Nun folgte Herr Krisch ohn Verweilen
Und fragte: Aus wie vielen Theilen
Muß eine gute Predigt bestehn
Wenn Sie nach Regeln sollte geschehn?

Hieronimus, nachdem er sich eine Weile
Bedacht, sprach: die Predigt hat zwei Theile
Den einen Theil Niemand verstehen kann
Den anderen Theil aber verstehet man.

Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses
Geschah, allgemeines Schütteln des Kopfes;
Der Inspector sprach zuerst: hem ! hem!
Darauf die anderen secundum ordinem.

Nun fragte Herr Beff der Linguiste:
Ob Herr Hieronimus auch wol wüßte,
Was das hebräische Kübbuz sei?
Und Hieronimus antwortete frei:

Das Buch, genannt Sophiens Reisen
Von Memel nach Sachsen, Thut es beweisen
Daß sie den mürrischen Rübbuz bekam
Weil sie den reichen Puff früher nicht nahm.

Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses
Geschah, allgemeines Schütteln des Kopfes;
Der Inspector sprach zuerst: hem ! hem!
Darauf die anderen secundum ordinem.

Nun kam auch an den Herrn Schreie
Den Hieronimus zu fragen die Reihe
Er fragte also: Wie mancherlei
Die Gattung der Engel eigentlich sei?

Hieronimus that die Antwort geben:
Er kenne zwar nicht alle Engel eben
Doch wär ihm ein blauer Engel bekannt
Auf dem Schilde an der Schenke, zum Engel, genannt.

Über diese Antwort des Candidaten, Jobses
Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes
Der Inspector sprach zuerst: hem ! hem!
Darauf die anderen secundum ordinem.

Herr Plotz hat nun fortgefahren
Zu fragen: Herr Candidate! wie viel waren
Concilia oecumenica?
Und Hieronimus antwortete da:

Als ich auf der Universität studieret
Ward ich oft vor`s Concilium citiret
Doch betraf solsches Concilium nie
Sachen aus der Oeconomie.

Über diese Antwort des Candidaten Jobses
Geschah allmeines Schüttlen des Kopfes
Der Inspector sprach zuerst: hem ! hem!
Darauf die anderen secundum ordinem.

Nun folgte Herr Reffer, der geisliche Herre
Seine Frage schien zu beantworten sehr schwere
Sie betraf der Manichaäer Ketzerei
Und was ihr Glaube gewesen sei?

Antwort: Ja, diese einfältigen Teufel
Glaubten, ich würde sie ohne Zweifel
Vor meiner Abreise bezahlen noch
Ich habe sie aber geprellt doch.

Über diese Antwort des Candidaten Jobses
Geschah allmeines Schüttlen des Kopfes
Der Inspector sprach zuerst: hem ! hem!
Darauf die anderen secundum ordinem.

Die übrigen Fragen, welche man proponiret
Lasse ich hier aus Mangel des Raumes unberühret;
Denn sonst machte das Protocoll
Wol mehr als sieben Bogen voll.

Sintemal man noch vieles gefraget
Worauf Hieronimus die Antwort gesaget
Auf obige Weise Stück vor Stück
Aus Dogmatik, Polemik und Hermeneutik.

Imgleichen sonst noch manche Sachen
Aus der Kirchenhistoria und Sprachen
Und was man einen geistlichen Mann
Sonst wohl zur Prüfung noch fragen kann.

Ueber alle Antworten des Candidaten Jobses
Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes
Der Inspector sprach zuerst: hem ! hem!
Darauf die anderen secundum ordinem.

Als nun die Prüfung zu Ende gekommen
Hat Hieronimus deine Abtritt genommen
Damit man die Sache nach Kirchenrecht
In reife Ueberlegung nehmen möcht´:

Ob es mit gutem Gewissen zu rathen
Dass man in die Kalsse der Candidaten
Des heiligen Ministerii den
Hieronimus aufnehmen könn`.

Es ging also an ein Votiren
Doch ohne vieles Disputiren
Ward man enig alsobald:
Es könne zwar dermal und solchergestalt

Herr Hieronimus es gar nicht verlangen
Den Candidaten-Orden zu empfangen
Jedoch aus besondrer Consideration
Wollte man stille schweigen davon.

Es hat auch wirklich in vielen Jahren
Kein Fremder davon etwas erfahren
Sondern Jedermann hielt früh und spat
Den Hieronimus für einen Candidat.