Des Vaters Antwort

Des Vaters Antwort

Was hierauf des Vaters Antwort gewesen
Das soll man gleichermaßen nun lesen:
Mein herzvielgeliebtester Sohn!
Dein Schreiben hab`ich erhalten schon

Und deine Gesundheit und Wohlergehen
Mit Vergnügen aus demselbigen ersehen;
Jedoch vergnügt es mich eben nicht
Dass dein Brief wieder von Gelde spricht.

Es sind noch nicht drei Monate vergangen
Da du hundert und fünfzig Thaler empfangen
Fast weiß ich nicht, wo in aller Welt
Ich nehmen soll das alle das Geld.

Ich höre gern auch, dass du studirest
Und dich fleißig und ordentlich aufführest
Aber höchst ungern vernehm ich von dir
Dass du 30 Ducaten forderst von mir.

Fast, mein Sohn! sollte ich sagen und glauben
(Du wirst mir meine Anmerkung erlauben)
Dass, wenn man auf der Universität
Sparsam ist, nicht so viel nötig hätt`.

Zwaren ist es wol gewiß und sicher
Man hat nicht umsonst Collegia und Bücher
Jedoch bekommt man für solche Summ`
Manches Buch und Collegium.

Tisch, Stube, Wäsche, Licht und Feuer
Kann auch unmöglich sein so theuer
Auch Federn, Bleistift, Tinte, Papier
Kaufst du für wenige Groschen g`nug dir.

Ich vernehme es zwar auch sehr gerne
Dass du dich von böser Gesellschaft ferne
Hält`st, und auf der Studirstube sitzst.
Und bei den geliebten Büchern schwitzst;

Auch daneben nur Thee thust trinken;
Indessen wills mir wahrschienlich dünken
Dass, wenn man über den Büchern ruht
Und Thee trinkt, nicht 30 Ducaten verthut.

Wenn dich Andre einen Knicker schelten
So mag dieses gleich viel gelten;
Doch, wer so viel Geld verschwendet als du
Dem kommt der name Knicker nicht zu.

Weil du übrigens von deinem Fleiße schreibest
So rathe ich, dass du fein dabei verbleibest
Damit das Geld und die edle Zeit
Angewandt werde in Nützlichkeit.

Doch mußt du dich nicht so sehr angreifen
Und im Kopf so viel Gelehrsamkeit häufen
Denn es trifft, leider! mannischmal ein
Dass große Gelehrte meist narren sein.

Dein Vorsatz, zu predigen, Thut mir gefallen
Drum üb dich fleißig darin vor allem;
Aber, bei vieler Disputation
Kommt eben nichts Kluges heraus, mein Sohn!

Wozu auch das Privatissimum nützet,
Wenn man schon zehn Stunden im Collegio sitzet
Das begreif` ich um destoweniger wol
Da es 20 REichthaler kosten soll.

Doch lasse ich´s vor allen andern passieren:
Denn das Geld, welches du zum Studieren
Gebrauchchest, gebe ich gerne her
Und wenn`s auch noch dreimal soviel wär.

Da auch, wie du schreibst, dein Rock zerrissen
So kannst du freilich einen neuen nicht missen
Jedoch das Tuch würde suprafein
Für die verlangten zwölf Thaler sein.

Wer aber zum Pfarrherrn will studiren
Muß nicht mit kostbaren Kleidern stolzieren;
Drum wäre ein etwas gröberes Tuch
Zum neuen Rocke dir gut genug.

Auch für noch sontige Kleidungsstücke
Willst du, dass ich vier Louisd`or schicke
Nämlich für Schlafrock, Pantoffel und Hut
Weil sie nicht zum Gebrauche mehr gut.

Wenn ich aber solches allzumalen
Posten für Posten sonders soll bezahlen
Wozu sollen dann, lieber Hieronimus mein!
Die verlangten dreizig Ducaten sein?

Ich habe es mit Mitleiden gelesen
Dass du jüngsthin todtkrank gewesen;
Aber du hast nich wohl gethan
Dass du viele Arznei gewendet an.

Denn ich habe oft und viel erfahren
Dass, besonders in den jüngeren Jahren
Die sich selbst überlassene Natur
Mehr wirkt, als die beste Mixtur.

Dein gebrauchter Arzt und Arzeneien
Sind fast theuer zum Verabscheuen
Und wie mir dünken sollte, so ist
Weder Apotheker, noch Arzt ein Christ.

Auch eine Wärterin, wie ich gelesen
In der Krankheit bei dir ist gewesen;
So reicht für die Aufwärterin
Statt sieben, ein einziger Gulden hin;

Wenn Sie nicht etwa sonst, vor diesen
Liebesdienste anderer Art dir erwiesen,
Denn, lieber Sohn! Ich schließ dies
Schier aus den sieben Gulden gewiß.

Was nun den Conditor anlanget
Welcher ebenfalls acht Gulden verlanget
So wäre gewesen ein Thaler genung
Und du warest gewißlich nicht klug.

Denn Citronen, Confitüren und Leckereien
Geben eigentlich dem Kranken kein Gedeihen
Aber ein Hafer - und Gerstentrank
Nutzet weit mehr, wenn man ist krank.

Es ist nicht gut, dass du bist gefallen
Von der Treppe, drum sorge ja für allen
Dass du hinfüro nicht wieder fällst
Denn die Cur beträget viel Gelds.

Dein Wundarzt hat dich recht hergenommen
Denn für zwölf Thaler, wie ich vernommen
Heilt unser berühmter Stadtbarbier
Einen Arm- oder Beinbruch schier.

Doch freut`s mich, dass dein Arm wieder curiret;
Denn wenn ein Pfarrer auf der kanzel peroriret
So muß der Arm geschmeidig und fein
Beim Klopfen und Gestusmachen sein.

Ich muß dich ferner auch herzlich beklagen
Wegen deinem sehr schwachen Magen;
Mein Magen ist, leider! auch nicht viel nütz
Weil ich sehr öfters zu Rahte sitz.

Indes thut Burgunder mit Gewürzen
Dich nur unnöthig in Kosten stürzen;
Schlucke lieber oft ein Pfefferkorn ein
Das soll sehr gut für den Magen sein.

Du willst auch noch 30 bis 40 Gulden
haben, zur Bezahlung einiger Schulden;
Ich sinne nun bin, die Kreuz und Queer
Beim Himmer! wo kommen die Schulden doch her?

Du hast schon alles specifiziert
Und Posten für Posten zum höchsten aufgeführet
Und vierzig Gulden, bei meiner Seel!
Sind nicht, wie du glaubst, ein Bagatell.

Endlich soll ich gar noch ein Dutzend Pistolen
Zu anderen Ausgaben für dich herbei holen;
Es wäre dir vielleicht zwar angenehm
Mir aber kommt`s höchst unbequem.

Denn mit den verlangten 30 Ducaten
Kannst du dich wegen der Ausgaben schon berathen
Dieses letztere Duzend Louisd`or
Komt mir also als Überfluß vor.

Auch mit dem Ersatz der dir gestohlnen 14 Kronen
hättest du mich billig sollen verschonen
Denn, wahrlich! der Ersatz schmerzt mir
Weit mehr, als der angebliche Verlust dir.

Dass du übrigens zu meinem Troste willst verlangen
Mann solle den Dieb sans facon drum aufhangen
Dieses wäre gewiß gar nicht christlich
Vielleicht bessert sich Anonymus einst noch sich.

Ueberhaupt muß ich dir im Vertrauen sagen:
In unsern heutigen aufgeklärten Tagen
Ist Gottlob! die heilige Justiz
Nicht wie ehemals so scharf und spitz.

Und um den Raub solcher Kleinigkeiten
Braucht keiner mehr die doppelte Leiter zu beschreiten
Wenigstens in unserem klugen Schildburg
Gehen viel größere Diebe frei und frank durch.

Wenn du künftig Gelder willst aufsparen
So rahte ichm solche vorsicht`ger zu bewahren;
Denn auf keinem Dinge in der Welt
Wird so allgemein speculiet als auf Geld.

Ich und deine Mutter verstehn es besser
Wir bewahren unsre Baarschaft hinter Riegel und Schlösser
Und geben sowohl bei Tag als bei nacht
Darauf sehr sorgfältig und ängstlich Acht.

Doch um deinen Geldmangel zu stillen
Will ich noch einmal den Verlangen erfüllen
Und ich sende die Gelder mancherlei
Im versiegelten leinenen Sack hiebei.

Jedoch muß ich dir hienebst andeuten
Es sind heur gar nahrlose Zeiten
Und es fällt mir wahrlich gar schwer
Alle Gelder zu nehmen woher.

Mit dem Handel gibt`s nur Kleinigkeiten
Denn es ist kein Geld unter den Leuten
Und die Ratsherrnschaft wirft auch nicht viel ab
Drum sind meine Einkünfte so knapp.

Ich werdes es also sehr gerne sehen
Wenn du von der Universität thust gehen
Zumalen da du, zu dieser Frist
Gewißlich schon ausgelernet bist.

Denn wenn du noch länger allda bleibest
Und das kostbare Studiren forttreibest
So werde ich noch zum armen Mann
Und keine Gelder mehr schaffen kann.

Wir werden dich hier mit großem Verlangen
Als einen gelehrten Sohn stattlich empfangen
Besonders freut deine Mutter sich
Auf deine Zuhausekunft inniglich.

Ich möchte dir gern etwas Neues schreiben
Es thut aber Alles hier beim Alten bleiben;
Ich bin indessen früh und spat
Nach Gewohnheit gewesen oft im Rath.

Da haben wir, in Pleno, thun dichten
Um verschiedene Änderungen einzurichten
Damit in der hiesigen Polizei
Alles fein sauber und ordentlich sein.

Deine Mutter hat an Zähnen viel ausgestanden;
Aber ein großer Wundarzt aus fremden landen
Vor einigen Tagen hier kam
Und die bösen Zähne wegnahm.

Deine Schwester Gertrud hat einen Freier
Es ist der Procurator Herr Geier;
Die Sache ist schon gekommen sehr weit
Und die Gertrud ist schon ziemlich bereit.

Unser Pfarrer ist immer kränklich
Man hält seinen Zustand für bedenklich
Stürbe einst dieser rechtschaffene Mann
So würd`st du vielleicht unser Pfarrer dann.

Unsers reichen Nachbars sein Lieschen
Vermeldet die ein herzliches Grüßchen.
Das Mädchen wird wirklich artig und fein
Und könnte einst deine Frau Pfarrerin sein.

Endlich grüßen dich allesammt wieder
Deine sämmtlichen Schestern und Brüder
Sie freuen sich über dein Wohlergehn
Und hoffen schier baldigst dich hier zu sehn.

Ich beharre übrigens
Dein treuer Vater
Hans Jobs, pro tempore Senater.

N.B. Dein Schreiben mir zwar gefällt
Aber verschone mich weiter mit Geld.                                                 Das Examen